Pagani damals und heute

Der Countach wurde von vielen berühmten Menschen entwickelt, gefahren und designt. Aber er hat auch Menschen noch bekannter gemacht. Der Anniversary ist dafür ein gutes Beispiel. Die optischen Änderungen des Modells zu Lamborghinis 25. Geburtstag hat der Argentinier Horacio Pagani entworfen und umgesetzt. Dieser ist heute berühmt für seine hochwertigen Kleinserien-Sportwagen, die ebenfalls in Norditalien gefertigt werden. Es gibt nur ein Modell, den Zonda, und dieser bekommt bald einen Nachfolger. Der Modellname weist auf die Tradition einer weiteren italienischen Sportwagenmarke hin. Zonda heißt ein argentinischer Wind, früher benannte Maserati viele Modelle nach Winden.

Pagani Zonda, Quelle Jagvar / Wikipedia

 

 

 

Motorhauben - Vielfalt ist Trumpf

Die erste Version des LP 400. Gut zu sehen ist im Dach auch die - natürlich trapezförmige - Aussparung für das Periskop, den Rückspiegel der ersten Serie.

Nummer zwei: Die schuppenartigen Entlüftungsschlitze prägen die Haube dieses LP 500 S.

Mehr Platz braucht der Vierventiler - dies ist die Motorabdeckung des QV.

Im Design eher zurückgenommen mit aufgesetzten Kästen: der Rücken eines Anniversary.

In between: Stilmisch einer US-Version des Vierventilers.

Der Umschwung

Quelle: Messe Bremen / Jan Rathke

Einer der Vorläufer des Countach ist Bertones Stilstudie Alfa Romeo Carabo. Sie war 2010 auf der Messe Bremen zu sehen.

Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre gab es eine ganze Reihe von Autos, deren Designer jegliche Kurven von ihren Zeichenbrettern verbannen wollten. Dazu gehören Stilstudien wie der Maserati Boomerang, natürlich der Alfa Carabo sowie der erste Stratos Zero.

Doch sie alle über einen Kamm scheren zu wollen ist ebenso falsch wie das Übersehen einer einzigartigen Kombination: Der Countach ist der erste dieser neuen Form des Supersportwagens, der es in die Serie geschafft hat. Die anderen sind zumeist reine Showcars. Als solches wurde auch der nur 1,07 Meter hohe Countach bei seinem Debut auf dem Genfer Automobilsalon 1971 eingeschätzt. Wer glaubte ernsthaft, dass ein Fahrzeug mit diesen Kanten in die Produktion gehen würde? Dabei hätten die Zweifler gewarnt sein sollen. Ist es heute bei manchen Marken üblich, dass Sonderserien durch Blindbesteller ausverkauft sind, so hat dies die Firma Lamborghini eingeführt. Der Vorgänger des Countach, der Miura, konnte schon auf treue Kunden zurückblicken, als er präsentiert wurde. Das Besondere dabei: Allein die Präsentation des Chassis, also ohne irgendeine Karosserie, reizte die Kunden zum Zücken ihres Scheckbuches.

Marcello Gandini heißt der Stylist beider Autos und einer ganzen Reihe von zeitgenössischen Sportwagen. Wobei es auch Stimmen gibt, die Gandinis Vorgänger bei Bertone, Giorgetto Giugiaro, einen Gutteil des Miura-Entwurfes zusprechen. Unterschiedlicher könnten Miura und Countach gar nicht sein. Während der Vorgänger Miura über sehr gefällige, fein geschwungene Formen verfügt, ist der Countach so etwas wie die nie wieder erreichte, ultimative Kante. Der Countach verfügt über sehr viele gerade Flächen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass dies gar nicht stimmt. Ebenso übersieht man schnell, dass die geraden Flächen wo immer es ging trapezförmig sind. Das betrifft beispielsweise Hauben und Türen, aber auch die komplette Verglasung. Am deutlichsten wird dies in der Draufsicht: Im Dach steckt eine trapezförmige Sicke für den Rückspiegel, die in eine trapezförmige Motorhaube übergeht, in der trapezförmige Lüftungsgitter stecken.

Quelle: Alfone45 / Wikipedia

Ein unglaubliches Designstück ist der Lancia Stratos Zero, hier im Bertone-Museum.

Ihren Reiz bezieht die äußere Form jedoch auch aus der Tatsache, dass sie eben nicht nur ein abgekantetes Stück Blech ist. Tatsächlich folgt zum Beispiel die Seitenlinie traditionellen, geschwungenen Vorbildern, hier der des „Coke Bottle Shape“ wie ihn Chevrolets Corvette später berühmt machte. Ebenso hätte es sicher Möglichkeiten gegeben, den vorderen, fast komplett halbkreisförmigen Radausschnitt wie den hinteren mit den stilbildenden Kanten zu versehen. So bezieht der Countach seinen Reiz aus dem Spiel mit Kanten und Rundungen, die jedoch zuerst schwer wahrzunehmen sind.

Zur enormen Show wird es, wenn der Countach seinen Türen öffnet. Tatsächlich öffnen sich die Türen des Countach in einer Linie mit dem Wagen – sie gehen nach oben und vorn auf. Diese ungewöhnliche Konstruktion ist ein Eyecatcher, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde sie jedoch im Alfa Romeo Carabo, ebenfalls von Bertone gezeichnet.

Der nächste Streich besteht aus dem kompromisslosen Ausnutzen der technischen Besonderheiten des Wagens. Die Motor-Getriebe-Einheit mit dem Getriebe vor dem Motor und damit zwischen den Sitzen unterstützt den optischen Eindruck: Dies ist ein Mittelmotor-Sportwagen. Die extrem flache Front mit den weit vorn positionierten Sitzen war bis dahin unbekannt und wirkt so, als könnten die Fahrerfüße die vordere Stoßstange berühren.

Die S-Modelle

Quelle: Marvin Raaijmakers / wikipedia

Ein Countach S mit dem typischen, V-förmigen Heckspoiler.

Der Ur-Countach wurde 1970 entwickelt und 1971 in Genf der Öffentlichkeit präsentiert. Die finanziell immer in Schwierigkeiten steckende Firma Lamborghini brauchte jedoch unerwartet lange für die Produktionsreife des Serienmodells. Schließlich gelangten die ersten Wagen erst 1974 zu den Kunden. In diesen Jahren ging die technische Entwicklung natürlich weiter, vor allem auf dem Gebiet der Reifenentwicklung. Wie heute auch, sind die vier handtellergroßen Aufstandsflächen, die Verbindung zwischen Straße und Auto, entscheidend für das Handling des Wagens. Die Michelin XWX-Reifen auf 7.5x14 und 9.5x14 Zoll großen Magnesium-Leichtmetallfelgen des Herstellers Campagnolo der ersten LP 400er Serien waren gut, aber es gab später Besseres. Im Jahr 1978 erschienen die Pirelli P7-Niederquerschnittsreifen und daraufhin die ersten Countach S-Typen. Um die neuen Niederquerschnittsreifen im Format 205/50 (Front) und extrem breite 345/35 Pirellis an der Hinterachse unterzubringen, bekamen die S-Modelle massive Kotflügelverbreiterungen. An der Front gab es dazu einen Spoiler, auf dem Heck thronte auf Wunsch des Kunden ein aufgeständerter Heckspoiler in V-Form.

Optischer Vorläufer des Wagens war ein Sondermodell, welches dem Kanadier, Rennstallbesitzer und gutem Lamborghini-Kunden Walter Wolf gehörte. Entgegen anderslautender Meinungen ist dieser Wagen jedoch nicht das erste S-Modell, sondern ein modifizierter LP 400.

Die Verbreiterungen waren damals umstritten, der Heckflügel in besonderem Maße. Natürlich stören die Kotflügelerweiterungen die reine Linie. Doch Lamborghini gab sich bei den S-Modellen auch keinerlei Mühe, sie in irgendeiner Form in die Linie zu integrieren. Die Kotflügelverbreiterungen wirken zwar aufgesetzt, aber nicht störend. Im Gegenteil unterstreichen sie die brutale Aussage des Wagens noch und betonen seine Breite im Vergleich zur eher geringen Länge. Alle Anbauteile betonen die eckige Ausrichtung des Grunddesigns. Ein Detail am Rand: Der vordere Radausschnitt ist in der Urform wie schon erwähnt fast perfekt halbkreisförmig. Mit der Montage der Kotflügelverbreiterungen ging das verloren: Jetzt wurde auch an den Vorderrädern die Kante betont. Mit der Montage des Heckflügels entfernt sich ein S-Modell weit von der Urform. Wer dies nicht schätzt, kann ihn auch weglassen, vorgeschrieben ist er nicht.

Ein wichtiges optisches Detail ging mit dem Übergang zu den S-Modellen jedoch verloren: Der trapezförmige Dachausschnitt, der dem Rückspiegel als Durchbruch dient. Und die S-Modelle sind wesentlich schwerer als der puristische LP 400: Ihr Gewicht stieg von 1.065 auf 1.350 Kilo.

Weiter stellen die 400 S-Modelle eine Besonderheit dar. Obwohl sie meist als Einheit gesehen werden, unterscheiden Experten sie in drei Serien. Mehr dazu finden Sie hier.

Der Anniversary

Quelle: Stahlkocher / wikipedia

Der letztgebaute Countach ist ein Jubiläumsmodell. Manche Anbauteile wie die Entlüftung sind geglättet.

Es gab in der 18jährigen Bauzeit des Countach immer wieder Einzelstücke, bei denen aerodynamische oder optische Modifikationen vorgenommen wurden. Doch die letzten größeren optischen Modifikationen kamen 1988 mit dem Anniversary-Modell. Zugleich ist diese Baureihe die letzte des Countach vor dem Produktionsende 1990.

Wieder wurden alle Anbauteile überarbeitet. Zwar blieb die Grundform unverändert, trotzdem ist überraschend, wie anders der Wagen in dieser Form wirkt. Mit relativ geringem Einsatz gelang es Lamborghini, die Aussage des Anniversary wieder in Richtung der Urform zu bringen. Die Breite blieb, aber die fließenderen Formen beispielsweise des Frontspoilers oder der Lufteinlässe über den Hinterrädern entschärfen die Optik der S-Modelle etwas.

Umgestaltet wurden auch die Felgen. Die Anniversary-Felgen des Herstellers OZ zitierten mit den runden Löchern zwar noch die Felgen der S-Modelle, waren jedoch grundverschieden. Erstmals kamen auf einem Countach die modernen, mehrteiligen Felgen zum Einsatz. Und auch die Reifen wichen ab. Die Nachfolger der P7, die Pirelli P Zero, waren jetzt Stand der Technik.

Wahrscheinlich muss man dies auch im Konkurrenzumfeld sehen. Die Firma Lamborghini wurde der Legende nach gegründet, um dem Nachbarn Ferrari eins auszuwischen. Das gelang unter anderem mit dem Miura, der das Konkurrenzmodell, den legendären Ferrari 365 „Daytona“ kurz nach dessen Erscheinen schon als veraltet erschienen ließ – hatte der doch einen Frontmotor vorzuweisen, der seit dem Mittelmotorkonzept für den Supersportwagen als zu traditionell galt. Der erste Gegenschlag von Ferrari war der Berlinetta Boxer. Bei allen Unterschieden zwischen Miura und Berlinetta: Sie ähneln sich in der Grundaussage des fließenden Designs.

Wieder war Lamborghini in der Design-Weiterentwicklung schneller und verabschiedete sich nach dem Miura mit dem Countach von jedweden gefälligen Designaussagen. Die Extremität des Countach ließ auch Ferraris Antwort auf den Miura, den Mittelmotor-Sportwagen Berlinetta Boxer, schnell wieder altern. Doch Ferrari blieb nicht stehen, und am Ende seiner Bauzeit hatte es der Countach bei den Händlern und auf den Autoshows mit einem Ferrari zu tun, der seinerseits als stilbildend galt: den Ferrari Testarossa mit seinen extremem Lufteinlässen an den Flanken.

Das Anniversary-Modell ist trotz der kurzen Bauzeit das Modell mit den zweithöchsten Verkaufszahlen nach dem 5000 QV. Ist das ein Indiz dafür, dass er auch der beliebteste ist? Das ist diskutierfähig, denn es gab weitere Effekte, die den Verkauf des Countach anschoben: Damals gehörte die Firma Lamborghini dem amerikanischen Chrysler-Konzern. Nur dank dessen Unterstützung war es möglich, überhaupt diese Anzahl von Countach zu produzieren.

Insgesamt wurden in 18 Jahren 1997 Countach gebaut.