Lamborghini-Spezialist Stefan Cuntz

Stefan Cuntz hinter einem der klassischen Zwölfzylinder, der von ihm und seinem Team überholt wurde.

Ein atemberaubender Anblick: Ventildeckel plus Vergasergestänge.

Imposante Ansaugtrichter noch ohne Luftfioöter.

Fertig zum Einbau: Der Lamborghini-Motor ist versandfertig.

Und das ist der Urzustand. Dieser Zwölfzylinder hat noch das ganze Programm vor sich.

Wahrscheinlich glauben Sie, eine Kfz-Mechanikerausbildung wäre hilfreich, falls Sie jemals eine der führenden Werkstätten für klassische Lamborghinis eröffnen wollen. Ganz falsch liegen Sie damit auch nicht, jedoch fehlen Ihnen dann zwei wichtige Dinge: eine Telefonflatrate sowie ein gut funktionierendes Netzwerk.

Aber der Reihe nach: Stefan Cuntz betreibt eine 3-Mann-Werkstatt in Nürnberg, die heute als eine der beiden besten Adressen in Deutschland und Europa gilt, falls Sie Ihren klassischen Lamborghini warten, reparieren oder gar komplett restaurieren lassen möchten. Den sympathischen Nürnberger drängt es nicht in den Vordergrund, in dem seine Autos so oft stehen. Er ist jemand, der sich an der Technik freut und ein großes Geschick darin hat, diese wieder zum Laufen zu bringen. Dabei startete der Nürnberger seine Kfz-Karriere nicht italienisch, sondern urbayrisch.

Seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker absolvierte er „auf BMW“. Lamborghinis faszinierten ihn zwar schon immer – „wenn Du irgendwas mit Autos zu tun hast, dann bist Du von Lamborghini einfach fasziniert“ – doch wie meist im Leben passieren die wichtigsten Dinge aus Zufall. In Cuntz‘ Fall lief die Geschichte so: Eines Tages tauchte ein ziemlich verzweifeltes Mitglied eines Lamborghini-Clubs bei ihm auf. Nur 500 Meter entfernt von seiner jetzt eigenen, markenungebundenen Werkstatt arbeitete der Lamborghini-Besitzer. Ihn plagten zwei  Probleme: 1. hatte er für seinen Espada schon reichlich Geld bei diversen europäischen Spezialisten gelassen, doch 2. war das Problem immer noch nicht behoben. Der Kupferwurm hatte sich im Innersten des Espadas eingenistet, unerklärliche Elektroprobleme führten mehr zum Stillstand als zum stilvollen 12-Zylinder-Genuss.

Cuntz legte einfach mal los. Dabei kam ihm seine Art der Ausbildung zur Hilfe: Nicht, dass er zuerst an BMW schraubte, sondern die Kultur in der Ausbildung. Dort wurde repariert, nicht ausgetauscht. Einen 30 Jahre alten Lichtschalter kann man reparieren, und während andere nur die drei Schrauben der Lichtmaschine kennen, wickelt Cuntz einen Anker schneller selbst neu, als engagierte Großmütter die Maschen für ihren Pullover häkeln.

So war denn das Problem des Espadas schnell gefunden und noch schneller gelöst. Nach 20 Minuten hatte er den losen Stecker – „ich weiß gar nicht mehr, ob es wirklich ein Stecker war, jedenfalls irgendein Pfennigartikel“ – lokalisiert und das elegante Coupé lief fortan problemlos. Das war eine Reparatur mit Folgen: Schnell zeigten sich immer mehr Kampfstiere mit ihren Besitzern bei Cuntz, und immer löste er deren Probleme. Jedenfalls die der Autos.

Bald war er zweierlei: Der Mann für die schwierigen Fälle, und der Mann mit der höchsten Telefonrechnung Nürnbergs. Schon seine Zeit bei Lamborghini vor Ort lehrte ihn: Ohne Ausdauer, ein funktionierendes Netzwerk sowie die Nummern aller Ersatzteile geht in diesem Geschäft gar nichts. Deshalb drückte er statt der Schalter in den Armaturenbrettern klassischer Lamborghinis immer öfter die Tasten seines Telefons. Und hier die goldenen Regeln zur erfolgreichen Reparatur eines Lamborghinis:

  1. Es gibt jedes Ersatzteil, man muss es nur finden. Um es aufzutreiben, braucht man…
  2. …das Wissen, wer früher die Zulieferer waren sowie ein funktionierendes Netzwerk, das man pflegen muss
  3. Notwendig ist zudem eine Teileliste mit den Nummern, die die Welt bedeuten

Warum eine Teileliste? Nun, wenn Sie beispielsweise eine linke Seitenscheibe für ihren Jarama benötigen, dann wird der fällige Anruf bei Lamborghini in etwa so ablaufen:
„Guten Tag, ich bräuchte da mal eine linke…“
„Die Teilenummer bitte?“
„Welche Teilenummer, da steht nichts drauf?“
„Dann können wir Ihnen leider nicht helfen, einen schönen Tag noch!“

Stefan Cuntz hat diese Liste natürlich. Zwar kann es vorkommen, dass diese Liste von der Realität abweicht und statt der Jarama-Seitenscheibe die Radaufhängung eines Miura geliefert wird. Zurückgegeben wird so ein Ersatzteil jedoch nicht („Man weiß nie, wann man so etwas brauchen kann“), sondern es kommt Regel 1 in Verbindung mit Regel 2 zum Einsatz und dem Kunden wird geholfen.

Die Beziehung zwischen ihm und seinen Kunden ist dabei von großem gegenseitigen Respekt geprägt. Und genau aus diesem Grund ist er auch kein Lamborghini-Händler und wird auch nie einer werden. Als Händler müsste er eventuell Kompromisse bei der Qualität eingehen oder etwas anpreisen, was so gut nicht ist, und dazu hat er schon mal gar keine Lust.

Allein 30 bis 40 Countach-Besitzer, so schätzt er, bringen ihren Wagen regelmäßig zu ihm. Was Cuntz nicht sagt, was einem wie ihm aber trotzdem wichtig ist: Das Rotlichmilieu früherer Tage fährt nicht mehr Lamborghini. Im Gegenteil. Genau wie er besteht die heutige Kundschaft klassischer Lamborghinis aus Menschen, die faszinierendes Design und beste italienische Technik zu schätzen wissen. Genau genommen wäre Stefan Cuntz deshalb der ideale Kunde bei sich selbst. In seiner Werkstatt erwirtschaftet er rund 80% des Umsatzes mit klassischen Autos, die Mehrzahl davon trägt das Wappen mit dem Stier im Logo. Gut für das Geschäft ist außerdem, dass es mehr werden: „Aus den USA kommen immer öfter Fahrzeuge nach Europa“. Und auch Lamborghinis wie der Uracco, bei dem eine Restauration schnell den Zeitwert übertrifft, werden von ihren Besitzern heute öfter und besser gepflegt als früher.

Es gäbe noch so viele Geschichten, doch der Tag neigt sich dem Ende zu. Zum Beispiel die Geschichte eines einflussreichen Espada-Besitzers, der seinen Wagen zum Restaurieren im Werk abgab.  Um die Wartezeit zu überbrücken, legte er sich einen zweiten zu, den Cuntz vor Jahren in Schuss gebracht hatte. Als der frisch restaurierte Wagen aus dem Werk eintraf, lautet das Urteil seiner Besitzers: Der von Cuntz fährt besser, liegt besser und sieht besser aus.

Oder die Mär von den unzuverlässigen Lamborghinis. Klar müssen die Besitzer der über 40 Jahre alten Schätze eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen, aber: „Es gibt eine Menge Pfusch da draußen. Wir haben viel mehr Probleme mit keiner oder mangelhafter Wartung als durch mechanische Schäden. Tatsächlich hatten wir noch nie einen Motorschaden durch schlechtes Material, sondern nur durch falsche Wartung“, sagt Cuntz. Von Countach mit VW Golf-Lichtschaltern, weil der Mechaniker es wieder mal nicht hinbekam, bis zu zwar ähnlich aussehenden, dann aber doch nicht passenden Lichtmaschinen weiß er zu berichten.

Lassen wir den Abschiedsblick durch die saubere Werkstatt streifen. Ein 911er G-Modell ist zur Inspektion auf der Bühne, auf einer zweiten bekommt ein moderner Audi seine Wartung. Draußen holt eine Kundin ihren VW Lupo ab. Fehlt da nicht etwas? Ach ja: ein voll restauriertes, seit Jahrzehnten als verschollen geltendes Lamborghini-Einzelstück ist nach zwei Jahren Restauration fertig, das dürfen wir aus Gründen der Diskretion aber nicht fotografieren. Ein entbeinter Miura ist schon halb durch seine Restauration, und eine ganze Menge der herrlichen 12-Zylinder in allen möglichen Zuständen ist in Arbeit. Ein mitgenommener Espada, dem es so ziemlich an allem fehlt, wird auf die Demontage vorbereitet. In zwei Jahren – so lange dauern Komplettrestaurationen normalerweise – wird auch er fertig sein.

Kontakt:

Stefan Cuntz, Schnieglinger Straße 82, 90410 Nürnberg, Tel. 0911/30 00 62 00, Fax 0911/30 00 94 74, E-Mail: s.cuntz(at)web.de

Internet: www.ricambi-toro.de