Countacherlebnis

Dies ist der Platz für Ihre Geschichte. Hier kommen Fans zu Wort, die ihr Erlebnis mit dem Lamborghini Countach schildern. Ob das berühmte "erste Mal", die Faszination oder etwas ganz und gar Altägliches - hier steht es.

Da sitze ich nun und soll meine Begegnungen mit dem Countach zu Papier bringen. Einem Auto, über das schon viele Leute geschrieben haben, berühmte Menschen, Menschen mit viel mehr Know-How und doch ... ist meines anders. Klar faszinieren Sportwagen Menschen seit jeher und werden es wohl auch in Zukunft tun, aber der Countach war DER Wagen, der es mir angetan hatte und der auch heute noch so eine Präsenz ausstrahlt, dass ich der Marke verbunden bleibe.

Genug der Vorrede, kommen wir zum Wesentlichen. Meine erste tatsächliche Begegnung mit dem Countach, gemeint ist eine in 1 : 1, Face-to-Face, hatte ich mit 15 (mein Gott, ist das schon lange her!). Gut, natürlich interessierte ich mich für Sportwagen, für Autos überhaupt, konnte an wenigen Details das gesamte Fahrzeug erkennen, aber so einen Wagen kannte ich nur aus den Zeitschriften oder vom Autoquartett.

Ich kann sogar das Datum recht genau erinnern, es muss so um den 15. Mai 1985 gewesen sein. Warum ich das so genau weiß? Nun, ich hatte um diesen Termin herum meine Konfirmation, und wir feierten damals, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem ich jetzt hier sitze und dies in den Computer tippe. Eigentlich eine Parallelstraße weiter. Es war der Tag, an dem Boris Becker zum ersten Mal im Endspiel von Wimbledon stand. Wir hatten genüßlich gespeist, die meisten Gäste hatten sich vor den Fernseher zurückgezogen und sahen Bobbele zu - der Tennishype war geboren. Nur ich langweilte mich, es war irre warm und ich hatte nicht die geringste Lust, vor dem Bildschirm zu hocken. So spazierte ich mit einem Getränk in der Hand aus dem Gartengrundstück in Richtung Straße. Ich passierte das zwischen Hauswand und Garagen eingelassene Gartentor, schaute nach vorne und traute meinen Augen nicht. Hier, in dieser kleinen unscheinbaren Nebenstraße stand ein Countach! Ehrfürchtig starrte ich ihn an, seine kantige Seitenansicht, diese gedrungen wirkende, angespannte Geometrie von eckigen Formen.

Ich glaube, hätte mich jemand beobachtet, der hätte gedacht, ich hätte ein Ufo gesehen. Ein Countach, hier, jetzt, in diesem Moment, und niemand, wirklich niemand nahm davon Notiz.

Das vordere Gartenmäuerchen war vielleicht 40 Zentimeter hoch und obwohl der Countach dieses deutlich überragte, schien er sich doch dahinter zu ducken.

Ich trat langsam näher, so als befürchtete ich, er könnte sich als Fata Morgana entpuppen sobald ich noch näher kam. Rot war er, auf Hochglanz poliert, strahlte mit der Sonne um die Wette, die glänzenden Ansa-Auspuffenden schickten Blitze in alle Richtungen, so als wollte er ein Umrunden abwehren.

Aber genau das hatte ich jetzt vor. Ich näherte mich fast schüchtern dem Heck, einem Exemplar ohne Flügel. Dadurch ist er noch flacher, wirkt zumindest so. Auf die Straße tretend, betrachte ich die Hutzen, die sich von hinten fast harmonisch in die Heckpartie einfügen. Diese Formensprache, Marcello Gandini ist begnadet. Weiter geht es einen kleinen Schritt nach vorne. Auch die Scheiben sind so klar und der Winkel spiegelt die kaum vorhandenen Wolken und mich wieder.

Es scheint ein Strahlen aus dem Inneren zu kommen. Kein Wunder, ist das Interior ist weiß ausgeschlagen. So hell, dass man kaum hineinschauen kann. Nur der Cockpitkasten und der Rest des Amarturenbretts sowie der aus dem gewaltigen Getriebetunnel herausragende Schaltknüppel mit der offenen Kulisse sind schwarz. Deutlich zu erkennen: die Sperre für den Rückwärtsgang. Auch das leicht umgekehrte „H“ der Schaltung, mit dem ersten Gang links unten ist sichtbar.

Der Blick wird ansonsten nur durch die waagerechte Seitenscheibentrennung erschwert, wobei sich der untere für ein wenig Frischluft nach unten kurbeln lässt. Spaßvögel urteilen diesbezüglich über die Voraussicht von Lamborghini: so könne doch die Münze für die Mautstrecken leichter entrichtet werden.

Und noch einen Schritt nach vorne, an den schwarzen Außenspiegeln vorbei, bei denen die Sicht aufgrund ihrer Größe nicht sonderlich gut sein dürfte. Vorbei an der stark abfallenden Front, dem Emblem entgegen. Das Wappen, der angriffslustig wirkende Stier mit den kampfbereiten Hörnern.

Ich stehe jetzt vor ihm und kann mein Glück kaum fassen. Ein Countach! Hier!

Es ist doch klar, was jetzt folgt, folgen muss! Wieder zurückgehen? Ins Haus? Im Leben nicht!
Ich hocke mich auf die Gartenmauer in die Höhe der Beifahrertür und genieße die Anwesenheit. Ein Glücksmoment. Dabei stelle ich fest, dass ich noch nicht einmal über ihn hinweggucken kann. Ist der Countach so flach, oder bin ich so klein? Keine Frage, es liegt an der Mauer!

Da sitze ich nun, darauf hoffend und wartend, dass der Besitzer kommt und ich den Motor hören kann. Und wenn es Stunden dauert. Sollen doch die anderen Tennis schauen. Ich bleibe hier!

Natürlich weiß ich nicht mehr, wie lange ich warten musste, aber irgendwann tat sich etwas. Aus einem unscheinbaren Haus gegenüber kamen ein Mann und eine Frau heraus, überquerten die Fahrbahn, hielten auf den Countach zu und öffneten die Türen. Ich war aufgesprungen, nichts hielt mich noch, stehend hörte ich das „Chht“ der nach oben gleitenden Türen. Das Einsteigen ging glatt vonstatten, keine peinlichen Situationen, mit einem kurzen harten Klack fallen die Türen ins Schloss. Und nach einem Moment des kurzen Schweigens, hörte ich dann zum ersten Mal einen V12 von Lamborghini. Dieser Sound, so unbeschreibbar mit Worten, hat sich eingebrannt in die Tiefen der Gehörgänge und Gehirnwindungen. Ich stehe leicht links hinten als sie Ansa-Anlage diese Laute von sich gibt, es ist ein Losbollern, tief, basslastig.

Viele Ferraris hatte ich bis daher gehört, schließlich sieht man Fahrzeuge der Gattung „Springendes Pferd“ viel öfter. Aber gegen einen Lamborghini klingen sie viel heller, heiserer, irgendwie sirrend.

Der Countach dagegen machte unmissverständlich klar, dass er gleich losfahren wollte. Und so kam es dann auch. Das mittlerweile recht stabile Leerlaufbrummen schwoll etwas an und der Countach setzte sich in Bewegung. Meine Augen hefteten sich an die Heckpartie, bis sie entschwand, die Ohren blieben gespitzt, bis sich auch hier, nachdem er wohl auf die Hauptstraße abgebogen war, der Klang in der Ferne verlor. Trotzdem blieb ich noch lange stehen.

Was gibt es sonst noch nachzutragen? Nun, der Fahrer war nicht der Besitzer, soviel konnte ich in Erfahrung bringen. Er besaß damals einen Autohandel und hatte sich wohl den Countach für das sonnige Maiwochenende ausgeliehen.

Und ich? Ich bin seit diesem Erlebnis irgendwie Lambo-infiziert. Ich fing an, alles über Lamborghini zu sammeln, jeder Zeitschriftenartikel wanderte in meine Sammlung, jedes Buch wurde erstanden, ein riesiges weißes Countachposter wurde hinter Glas gebannt, meine Modellsammlung in 1:18 wuchs gigantisch.
Ich fuhr nach Düsseldorf, damals noch ein Walter-Wolf-Stützpunkt, nahe der Kö, als zum Frühschoppen für Lamborghinifahrer eingeladen wurde.
Und, und und...

Diese erste Begegnung blieb nicht folgenlos, aber es vergingen 25 Jahre, bis ich zum ersten Mal in einen Countach stieg. Hatte ich mich doch immer geweigert, da ich die Vorstellung besaß, es könnte dann irgendwie vorbei sein mit dem Traum. So dauerte es noch vier weitere Jahre bis zum bisherigen Highlight - die erste Fahrt mit einem Countach...
Aber das ist, wie man so sagt, eine ganz andere Geschichte!

TC - möchte anonym bleiben

 

 

Mein erstes Mal

Heil zurück: Der Vierventiler kühlt ab, der Ausflug hatte es in sich.

Platz ist in der kleinsten Hütte: Der Autor im Countach.

"Houston, we have a problem" (Funkspruch aus Apollo 13): So sieht die Kombination Countach-Fußraum mit Schuhen der Größe 46 aus. Um nur ein Pedal zur Zeit zu treten, ist eine seitliche Stellung beim Gasgeben notwendig.

Die erste Fahrt, die ich jemals mit einem Countach unternahm, begann auf dem Beifahrersitz. Und schon das bereitet einen unmittelbar darauf vor, wie es ist, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Fahren im Countach ist eine Überdosis für die Sinne, die am besten mit etwas Gewöhnung begonnen werden sollte.

Bevor es losging, folgt eine Runde um den roten 5000 QV. Nicht gerade an Unterernährung leidend, stellte ich mir den Einstieg vor. Wie da reinkommen? Und was ist mit dem hohen Geräuschpegel, den zeitgenössische Tester monierten? Nervt das nach ein paar Stunden?

Peter startet seinen - und später meinen - Countach. Der Vierventiler springt sofort an und verfällt in einen verhältnismäßig hohen, aber stabilen Leerlauf. Zeit für den Einstieg. Die Tür öffnet sich weniger hoch als gedacht. Es gibt zwei Varianten, um über den hohen Schweller zu kommen: Das eine Bein voran in den Fußraum, den Körper reindrehen und das draußenstehende Bein nachziehen, ist die Eine. Die Andere wird immer wieder als normal bezeichnet, sie gehört jedoch meinen Erfahrungen nach in das Reich der Phantasie. Dazu lässt man sein Hinterteil auf dem Schweller nieder, stützt sich mit der einen Hand am Dach ab, schwingt die Beine gleichzeitig hinein und zieht dann den Körper nach. Diese Methode sollten nur sehr gelenkige Menschen vorführen, allen anderen sei die konventionelle Methode empfohlen. In jedem Fall gilt der alte Witz, wie man Damen mit einem Rock beim Einsteigen hilft: in dem man wegschaut.

In der Sitzschale angekommen, fühlt man sich recht kommod. Zwar steckten die Ingenieure ihr Wissen lieber in die Entwicklung von Motoren als in die Polsterung von Sitzen, aber insgesamt ist das Gefühl komfortabel. Die Kabine ist luftig, sehr breit und für Arme und Beine bleibt immer genug Platz. Wer zu den Sitzriesen gehört, muss halt ein wenig vorrutschen, dann klappt es auch mit der Höhe.

Los geht’s. Peter hat seinen Countach bislang rund 50.000 Kilometer gefahren und kennt jeden Millimeter seiner Abmessungen. Das ist gut zu wissen, denn für den Uneingeweihten ist schon Abbiegen eine Kunst: Man weiß nie, wo der Wagen seitlich aufhört. Gerade bei den S-Modellen mit ihren Kotflügelverbreiterungen gehört eine Menge Routine dazu, nicht ständig in der Mitte der Straße zu fahren oder sich unschöne Kratzer zu holen. Insgesamt über 50 Liter Flüssigkeiten wollen erwärmt werden, Peter lässt es mit maximal 3.000 Touren ruhig angehen. Kein Problem für den Vierventiler: Durchzug ist massenhaft vorhanden, sogar kupplungsschonendes Anfahren ganz ohne das Gaspedal zu berühren ist möglich.

Das Geräuschniveau ist schon bei Landstraßentempo hoch. Im Gegensatz zu den Erwartungen steht jedoch nicht der Motor im Vordergrund. Dieser Countach trägt den Serienauspuff, aber auch mit Sportauspuff würde sich daran nicht viel ändern. Was akustisch im Vordergrund steht, ist eine Vielzahl von Geräuschen. In das Gesamtbild fügen sich die Antriebsgeräusche ein, aber auch vom Fahrwerk gibt’s einen Zuschlag, und frei von Windgeräuschen ist der Wagen ebenfalls nicht. Insgesamt jedoch ergibt sich eine völlig andere Geräuschkulisse als erwartet. Der Klangteppich in einem Countach besteht aus unverfälschten mechanischen Geräuschen und passt damit bestens zum Charakter des Wagens.

Unverfälscht ist auch der Rest des Fahrkomforts: Die Federung ist trotz der prinzipiell unkomfortablen Niederquerschnittsreifen erstaunlich gut. Doch Peter und ich sind nicht unterwegs, um neue Komfortrekorde aufzustellen. Öl und Wasser haben sich ausreichend erwärmt, kurze Zwischengasstöße ermöglichen einen schnellen Gangwechsel, doch gedreht wird der Motor immer noch nicht. Ist auch nicht nötig: Um jenseits aller Tempolimits zu kommen, reicht es schon aus, im Fünften ein wenig Gas zu geben. Die kurvenreiche Straße schlängelt sich durch die Berge, der Countach schlängelt mit. Aber er schwänzelt nicht, sondern tut genau das, was man von ihm erwartet. Dank seiner jahrelangen Erfahrung kann Peter die Nase des Countachs präzise dirigieren, der Rest des Wagens folgt bis zu abenteuerlichen Kurvengeschwindigkeiten jedem Lenkbefehl. Das ist es, was den Countach auszeichnet: Er ist so gnadenlos präzise.

Verstärkt wird das durch die Konstruktion des Countach: Verwindungen gibt es dank des steifen Rückgrats schlicht nicht, und durch die Längsanordnung der Motor-Getriebe-Einheit sind Fahrer und Passagier jederzeit mittendrin im Geschehen. Da man im Zentrum der Bewegungen um die Hochachse sitzt, wird man Teil des Geschehens.

Ein kurzer Gasstoß, ein Gang weniger. Peter und der Countach nutzen jetzt auch die Geraden zwischen den Kurven, um das Maximale herauszuholen. Das Maximale? Kann nicht sein, denn die Drehzahl klettert nur jeweils kurz über 4.000 Touren. Doch das Ergebnis ist atemberaubend. Ein Countach in der Hand eines Könners, das wird mir klar, ist eine pure, unverfälschte Maschine. Man gibt eine definierte Menge an Energie herein und bekommt eine genau dosierte, vorher bekannte Menge Bewegungsenergie heraus. Da wird nichts verfälscht, weggeregelt oder weichgespült.

Wenn man es denn kann, und ich kann es nicht. Besser: Ich weiß nicht, ob ich es kann. Das schießt mir durch den Kopf, als Peter den QV rechts auf einer Bushaltestelle abstellt und die Fahrertür mit dem lapidaren Satz: „Du bist dran“ hochschwenkt und wir die Plätze tauschen.

Cool sind nur Countach und Peter, ich nicht wirklich. Aber egal, jetzt gilt’s. Das Lenkrad ist klein und steht doch irgendwie im Weg. Wäre es mein Wagen, würde ich das üben müssen, leider entfällt diese Pflicht. Ich bin das, was man höflicherweise einen Sitzriesen nennt. Mit anderen Worten: Meine Beine sind zu kurz bei 181 Zentimetern lichter Höhe. Trotzdem ist der Countach auf dem Fahrerplatz eher für Südeuropäer gedacht. Das Lenkrad ist nah an den Knien, die Pedale zur Fahrzeugmitte hin versetzt. Merke: Sportschuhe wären besser, mit den normalen Halbschuhen tritt man zu oft zwei Pedale auf einmal.

Doch es geht, gut sogar, nachdem man sich dran gewöhnt hat. Den Innenspiegel einzustellen, lasse ich mal weg, ich würde eh‘ nichts sehen. Der Außenspiegel zeigt von hinten nichts, was mich am Losfahren hindern würde. Der erste Gang liegt hinten links, der Schalthebel muss zwar mit Nachdruck, doch nicht schwergängig in seine Position geführt werden. Jetzt kommt das, wovor ich Respekt habe. Der ehemalige VW-Entwicklungsvorstand und Espada-Besitzer Professor Wilfried Bockelmann hat es mir erklärt: Zu schaffen machen würde mir das „Losbrechmoment“. Was damit gemeint ist, demonstrierte er mit einem in Wasser getauchten Finger, den er über eine Tischplatte rubbeln lässt: Es braucht eine gewisse Kraft, um ein mechanisches Teil aus seiner Ruheposition zu bringen. Dann jedoch geht es schneller und leichter, weil es von Haft- in Gleitreibung übergeht. Übersetzt heißt das: Jedes Mal, wenn ich das Gaspedal trete, wird ein Kabel gezogen. Dieses Kabel ist beim Countach ellenlang: Vom Gaspedal aus muss es zum Heck hin umgelenkt werden, windet sich durch den Innenraum, steigt am Motor entlang auf und trifft dort auf sechs Doppelvergaser, deren Drosselklappen sich alle und zwar synchron bewegen müssen. Das sind eine ganze Menge Momente, die da losbrechen müssen. Bei den ersten Malen gibt man - Losbrechmoment! - zuerst zuwenig, dann zuviel Gas. Losruckeln statt Anfahren ist das Ergebnis.

Die richtige Dosierung zwischen Gaspedal und Kupplung schenke ich mir, ich gebe es zu. Relativ schnell lasse ich die Kupplung los und betätige das Gaspedal erst, nachdem die Kupplung vollständig eingerückt ist. Die Landstraße liegt vor mir und ich merke, dass es noch eine Schwierigkeit mit dem Countach gibt. Langsam zu beschleunigen ist gar nicht so einfach. Zwar hat das Gaspedal einen sehr langen Weg und lässt sich daher gut dosieren. Jedoch ist jedes der 455 PS vorhanden und gut im Futter. Frühzeitig schalte ich in den zweiten Gang. Damit Anfänger wie ich nicht aus Versehen in den über dem ersten Gang liegenden Rückwärtsgang schalten, ist dort eine mechanische Sperre in Form eines kleinen Hebels angebracht. Die Wege im Getriebe sind kurz, mit etwas Gefühl geht es gut voran.

Sehr schnell ist der Countach mit seiner Besatzung ohne jede Anstrengung im Landstraßentempo unterwegs.

Doch die nächste Herausforderung lauert in Form eines Kreisels. Eines ziemlich engen Kreisels mit einem ziemlich autoritären Schild davor, welches auf die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h hinweist. Ich lasse den Countach auf den Kreisel zurollen und nehme lediglich etwas Gas raus. Bei etwa xxx km/h (die tatsächliche Geschwindigkeit ist von den Zensurbehörden gelöscht worden) meint Peter, es sei jetzt genug mit der Langsamkeit. Respekt und Kreisel kommen näher, ich trete die Kupplung und schaue lieber nicht herüber zu Peter, da ich mir seinen Gesichtsausdruck gut vorstellen kann. Peter steht nicht wirklich drauf, wenn die Kupplung über Gebühr belastet wird. Sie kostet übrigens rund 9.000 Euro im Austausch. Die Einfahrt ist da, eine schnelle Rechtsbewegung, eine etwas längere links und mit einer erneuten kurzen Rechtsbewegung sind wir durch.

Das eingespielte Team aus Peter und seinem Countach sahen die ganze Angelegenheit entspannt, ich lasse die Kupplung wieder los und denke erst später wieder drüber nach. Dann jedoch wird mir deutlich: Der Countach, die Maschine, kündigt durch den zunehmend höheren Widerstand in engen Kurven auch diesmal an, was genug ist. Und das – obwohl nicht ausprobiert – nehme ich ihm gerne ab: Genug ist dann auch genug. Der Countach braucht eine harte Hand. Wenn sie nicht fähig ist, wird hineingebissen.

Weil zu starkes Zwischengas in Verbindung mit zu frühem Einkuppeln den Countach unmittelbar davonspringen lassen würde, kupple ich lieber auf die laue Art und gebe erst Gas, wenn die Kupplung komplett eingerückt ist. Die Schaltung jedoch ist zuerst gewöhnungsbedürftig: Am saubersten ist der, der in der Leerlaufposition jeweils eine Milli-Gedenksekunde einlegt, bevor er den Gang wechselt. Keineswegs flutscht oder gleitet der Schalthebel durch die Kulisse, der Stock will geführt werden. So präzise der Countach ist, so fordert er das Gleiche von seinem Fahrer.

Mit den Kilometern kommt die Gelassenheit. Doch nicht die Routine, denn Countach-Fahrer müssen immer auf der Lauer sein. Das liegt auch an den unvorhersehbaren Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer: So viel offene Münder habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Der Countach provoziert Reaktionen, positive wie negative.

Wenig gestört hat mich die von vielen monierte schlechte Übersichtlichkeit. In der Stadt mag es nervig sein, aber die fehlende Rücksicht des Innenspiegels wird durch die Außenspiegel wieder ausgeglichen, damit müssen auch Caravan-Besitzer leben. Zur Seite ist die Sicht natürlich nicht berauschend, aber vollkommen ausreichend. Das gelobte Land jedoch liegt vor der spitzen Schnauze des Countach, und hier gibt es wahrscheinlich kaum ein Auto, das diese Aussicht bieten kann. Ohne Brille in 3D und eindeutig besser als Avatar, weil man Richtung und Geschwindigkeit selbst bestimmen kann.

Wir sind in einem Hotel gestartet und da soll der Countach auch wieder hin. Die letzten Kilometer der engen Bergstraße schenke ich mir und gebe Peter das Steuer zurück. Er zeigt noch einmal, was geht: Wie er den Countach weit jenseits normaler Kurvengeschwindigkeiten über die wellige Piste treibt, ist eine Kunst für sich. Der Countach macht alles mit, versetzt nicht, schießt aus den Kurven heraus, bleibt immer neutral und knistert am Ende zufrieden vor sich hin.

Ihm hat der Ausflug Spaß gemacht, für mich war es der Ausflug in eine andere Dimension. Zwei Wochen später wird mich Peter anmailen und erzählen, dass der Countach wegen einer kleinen technischen Malaise in die Werkstatt musste – er würde mich wohl vermissen. Mein Angebot, den Countach kostenfrei ein bis zwei Jahre in meine Obhut zu nehmen, hat Peter trotzdem nicht angenommen…

Stephan Hellmund