Ein Expertengespräch

Sie sind Countach-Experten: Professor Dr. Wilfried Bockelmann, ehemaliger VW-Entwicklungsvorstand und Lamborghini-Besitzer (links), sowie Andreas Hornig, Leiter des Wolfsburger Zeithauses.

Andreas Hornig im Lamborghini Countach.

Auf dem Weg zum Fotoshooting.

Diese Automobilexperten, die müssen es doch wissen. Was macht die Faszination des Countach aus? Beide besitzen keinen, trotzdem haben sie ihn lange Jahre begleitet: Andreas Hornig ist der Leiter des Wolfsburger ZeitHauses, in dessen Ausstellung ein roter LP 400 steht. Professor Dr. Wilfried Bockelmann war jahrelang der oberste Entwicklungschef bei VW und besitzt privat einen Lamborghini Espada. Beide nahmen sich Zeit, um ihre persönliche Einschätzung des Countach zu erzählen.

Seit Jahren gelten sie als die führenden Experten in Sachen Auto, und jetzt sitzen sie bei mir. Besser: Ich bei Ihnen, denn wir haben uns im ZeitHaus in Wolfsburg getroffen. Das ZeitHaus dokumentiert Meilensteine der Automobilgeschichte. Wenn sie aus dem umfassenden Reich des Wolfsburger Autokonzerns stammen ist es bestens, wenn nicht, bedeutet das keine Herabstufung. Markenblind ist man hier nicht. So präsentiert das ZeitHaus unter anderem einen 16-Zylinder-Cadillac.

Den roten Countach besitzt das Zeithaus seit 2001. Das war mit Sicherheit ein gutes Geschäft, denn das puristische LP 400-Modell hat in den vergangenen Jahren eine enorme Wertsteigerung erlebt. Aber genau wie bei dem Miura neben ihm ist das natürlich ein theoretischer Wert: Ans Verkaufen denkt hier niemand. Wozu auch, denn es werden so schöne Geschichten über ihn erzählt. Man muss sich nur etwas Zeit nehmen und neben dem LP 400 stehenbleiben, schon hört man die Kommentare der Zuschauer. Und es ist wie immer, ob positiv oder negativ: Kalt lässt der Countach keinen.

Auch die beiden Experten nicht. Professor Wilfried Bockelmann erinnert sich noch an die erste Begegnung. Als Student der Fahrzeugtechnik war er regelmäßiger Gast auf der Internationalen Automobilausstellung. Das Geld saß in der Studentenzeit nicht eben locker, so musste die Zeit auf der IAA sinnvoll genutzt werden. Doch neben den studentischen Pflichtbesuchen bei Entwicklern der damals allerneusten Technik gönnte er sich auch mal einen freien Nachmittag mit Kommilitonen, die „Nachmittagstour“, und streifte auf gut Glück durch die Hallen.

Der LP 400 fiel ihm natürlich sofort auf. Fand ihn faszinierend. Ein Auto, das nicht mehr die gefälligen Kurven des Miura aufwies, sondern komplett gegen den Designtrend lief. Eckig statt rund, und dann diese Fahrleistungen: 315 km/h gab Lamborghini für das erste Modell an. Doch sofort kam bei Bockelmann der Techniker durch. Der bekennende Aerodynamik-Fan sah schnell, dass der Countach nun wirklich kein aerodynamischer Meilenstein war – auch wenn seine Form das andeutete. Aber diese Anleihen aus dem Rennsport in einem Wagen für die Straße. Wer das nicht faszinierend fand, der hatte kein Benzin im Blut.

An seinen ersten Countach kann sich auch Andreas Hornig noch gut erinnern. Logisch, denn dessen Fahrleistungen steckten alle Konkurrenten in die Tasche, aus der Hornigs erster Countach gezogen werden konnte. Ein Ass-Quartettspiel war die erste Begegnung zwischen den beiden, und der Countach war der König der 32 Spielkarten. Seine erste Begegnung mit dem dreidimensionalen Exemplar stammt aus den Jahren um 1980. Es sind manchmal erstaunliche Dinge, die einem im Gedächnis bleiben. So auch bei Hornig: In Erinnerung geblieben ist ihm, dass es ein weißes Exemplar war, und fasziniert war er von dem überaus breiten Holm zwischen Tür und Sitzplatz. Doch am meisten beeindruckte ihn der Sound. Ganz klar, der Countach war für ihn damals und ist heute noch ein Meilenstein.

Auch Andreas Hornig beobachtet seine Besucher manchmal, wie sie auf die Autos reagieren. Und eines fiel ihm auf, was ihn verwunderte. Um diese überraschenden Beobachtungen zu überprüfen, führte das ZeitHaus eine Besucherbefragung durch, wie die Besucher denn die ausgestellten Exponate fänden. Dazu muss man wissen, dass auch typische „Frauenautos“ wie ein Käfer Cabrio oder ein ganz früher Polo in der Ausstellung sind. Was Hornig ahnte, aber nach der Befragung schwarz auf weiß vor sich hatte: Auf die Frage, welches Auto sie gerne mal zur Probe fahren würden, wählten mehr Frauen als Männer den Countach, der im Übrigen bei allen Besuchern sehr beliebt war. Wer hätte das gedacht?

Einig sind sich die beiden Experten auch in einer anderen Einschätzung des Countach, und ziehen dazu einen Vergleich mit der aktuellen Lamborghini-Modellpalette heran. Theoretisch sei der Murcielago dem Gallardo so überlegen, wie es der Countach damals dem Jalpa war. Doch um das umzusetzen, müsse man sehr viel üben: „Auf Anhieb schnell ist mit dem Countach niemand“, so Bockelmann. Man müsse schon lange trainieren, um aus dem Countach das Maximale herauszuholen. Die brutale Leistung könnten die meisten Fahrer nicht in Geschwindigkeit umsetzen. Trotzdem ist er ein Anhänger des Mittelmotorkonzeptes für derart leistungsstarke Autos. Zu überzeugend seien der prinzipiell gute Sitzplatz für den Fahrer, der geringe Wendekreis und natürlich das geringe Trägheitsmoment um die Hochachse, was dem Wagen die typische Agilität gibt. Da die - wie der Fachmann Professor Bockelmann sagt - "massereichen" (also schweren) Elemente wie Motor und Getriebe eben bei dieser Hochachse sitzen, fühlen sich Mittelmotorautos gewöhnlich sehr wendig an. Doch diesen Vorteil gibt es nicht umsonst: Wenn die Grenze überschritten ist, brechen Wagen wie der Countach blitzartig aus und sind nur sehr schwer wieder einzufangen.

Hat der Countach heute noch Bedeutung als fortschrittliches Auto, vielleicht wegen seines Materialmixes? Die Antworten kommen nicht schnell. Natürlich, wer in unmittelbarer Umgebung eines der modernsten Automobilherstellers arbeitet und lebt, tut sich schwer mit einem Fortschritt, der vor 40 Jahren begonnen haben sollte. Der Countach, so hört man schließlich heraus, sei so gebaut worden, um effektive Leistungen zu erzielen. Die eingesetzten Materialien sowie die Motorstärke dienten diesem Zweck. Hier wurde eine Ikone der Leistung geschaffen, doch die Prioritäten heute sind andere. Der Countach ist das automobile Symbol einer Zeit, die unmittelbar vor der ersten Ölkrise 1972 ihren Höhepunkt erreichte. Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre des vorigen Jahrtausends schien eines völlig natürlich: Der technische Fortschritt wurde bedingungslos akzeptiert, und es würde immer so weitergehen. CO2-Ausstoß? Wen interessierte das denn? Der Countach war ein Traum, auf seine Art genauso begehrenswert wie der technisch aufwendige NSU Ro 80.

Noch einen Blick auf das Exponat zum Abschied: Das ZeitHaus-Exemplar ist kein behütetes Stück, welches nur bei Sonne ein paar Demorunden auf abgesperrter Strecke drehen darf. Im Sinne der Öffentlichkeitsarbeit sind die ZeitHaus-Autos immer wieder unterwegs. Auf klassischen Rallyes, Ausstellungen wie der Motor-Klassik in Essen oder einfach mal so. Ein solch schönes Stück muss auch mal raus, sich mal wieder präsentieren. Wenn ihn die Besucher schon in der Ausstellung liebgewonnen haben, so wird das „da draußen“ nicht anders sein – stimmt!

Wir danken Herrn Professor Dr. Bockelmann, Andreas Hornig sowie dem wie immer freundlichen und professionellen ZeitHaus-Team, ohne die weder diese Geschichte noch viele weitere Inhalte dieser Webseite möglich gewesen wären.